Schulstruktur Zweigliedrigkeit: bildungspolitische Kapitulation und gefährliche Tabuisierung "deutscher Zustände"
Ein Kommentar von Brigitte Schumann
13.06.2011 - Es
ist inzwischen üblich, die Reichweite bildungspolitischer Reformen in
Deutschland am Ausgang des Hamburger Volksentscheids zu messen. "Hamburg
hat es doch gezeigt!" ist politischer Topos geworden. Vertreter der
Grünen und der SPD benutzen ihn wie ein Mantra und begründen damit ihr
Abrücken von dem Modell einer Schule für alle und ihr Plädoyer für die
Zweigliedrigkeit. Der sozialdemokratische Kultusminister Jürgen Zöllner
gab jüngst die Empfehlung an seine Länderkollegen aus, das
zweigliedrige Berliner Modell zu importieren.
Was hat Hamburg denn gezeigt? Dass das Gymnasium dem Deutschen heilig ist?
Dass allerhöchstens in Deutschland die Zweigliedrigkeit akzeptiert wird?
Sehr früh wurde die Hamburger Volksinitiative "Wir wollen lernen!"
von einigen Medien als "Gucci-Elternschaft" enttarnt, die sich schamlos
für den puren Eigennutz ihrer Sprösslinge einsetzte. Dennoch gelang es
den Initiatoren und Unterstützern aus den oberen Schichten, die
gesellschaftliche Mitte hinter sich zu bringen und die frühe Trennung
der Kinder nach Leistung und Herkunft mit Geld, Einfluss und einer
aggressiven Angstkampagne erfolgreich zu verteidigen. Sie profitierten
davon, dass sich Teile der Bürgerschaft für die halbherzige Reform
nicht erwärmen konnten, und waren Nutznießer des Dilemmas in unserer
Demokratie, dass Angehörige der unteren Schichten kaum noch politisch
partizipieren. Migranten ohne deutschen Pass waren erst gar nicht
wahlberechtigt. Wenn der Hamburger Volksentscheid und die politische
Reaktion darauf etwas gezeigt haben, dann ist es die Funktionsweise
eines gefährlichen "Klassenkampfes von oben", vor dem grüne und rote
Bildungspolitik kapitulieren.
Hamburg ist "Klassenkampf von oben"!
Genau so muss man es sehen und benennen. Hamburg fügt sich ein in die
Erkenntnisse von Wilhelm Heitmeyer, Leiter des Instituts für
interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität
Bielefeld. Seit 2000 erforscht er im Rahmen einer Langzeitstudie
Erscheinungsweisen, Ursachen und Entwicklungen von gruppenbezogener
Menschenfeindlichkeit in Deutschland. In seiner jüngsten
Veröffentlichung von 2010 unter dem Titel "Deutsche Zustände" verweist
er auf veränderte Einstellungen der höheren Einkommens- und
Statusgruppen in Deutschland. "Vieles deutet darauf hin, dass sich diese
Menschen - politisch stimuliert - aus der Solidargemeinschaft
zurückgezogen haben", lautet sein Urteil.
Unter Angehörigen der oberen Schichten macht Heitmeyer eine geringe
Bereitschaft zur Unterstützung schwacher Gruppen aus. Ihre Privilegien
verteidigen sie mit der Stigmatisierung dieser Gruppen und fühlen sich
trotz einer beispiellosen Umverteilung von unten nach oben ungerecht
behandelt. "Angesichts der offenkundig instabilen Entwicklung auf den
Finanzmärkten, unsicherer wirtschaftlicher Konjunkturverläufe,
strapazierter öffentlicher Haushalte und die soziale Spaltung
forcierende politische Entscheidungslinien" sind für ihn diese
deutlichen Anzeichen für einen Rechtspopulismus in den oberen Schichten
besonders beunruhigend.
Unterstützt wird diese Entwicklung durch namhafte Vertreter aus dem
Bereich von Politik, Wirtschaft, Medien, Kultur und Wissenschaft. Im
Jargon der Verachtung lassen sie sich öffentlich über Hartz
IV-Empfänger, Langzeitarbeitslose und Migranten aus und legitimieren
soziale Ungleichheit und Spaltung. So wird Akzeptanz für
rechtspopulistische Haltungen und Einstellungen, die bislang eher mit
Menschen aus den unteren Schichten in Verbindung gebracht werden, in der
Mitte der Gesellschaft verfestigt.
Was zählt?
Die UNESCO hat die Inklusion seit der Weltkonferenz von Salamanca
1994 zum Gegenstand ihrer weltweiten Bildungskampagne gemacht. Inklusiv
ist nach ihrem Verständnis unser Schulsystem erst dann, wenn nicht nur
alle Barrieren fallen, die Kinder mit Behinderungen von Kindern ohne
Behinderungen trennen. Auch Barrieren innerhalb des allgemeinen
Schulsystems müssen als solche identifiziert und überwunden werden.
Soziale Ungleichheit, Benachteiligung, Behinderung und Exklusion sind
schließlich Resultate der selektiven Schulstruktur.
Mit der Ratifizierung der UN-BRK hat sich Deutschland verpflichtet,
ein inklusives Schulsystem zu entwickeln. Warum orientiert sich die
rote wie grüne Bildungspolitik an Hamburg und nicht an dem Auftrag der
Inklusion? Warum wird das Menschenrecht auf inklusive Bildung nachrangig
behandelt und dem Erhalt des Gymnasiums untergeordnet?
Kein geringerer als der Leiter des Instituts für
Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund hat in einem
Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 24. 6. 2009 wissen lassen,
dass wir in Deutschland "eine schlagkräftige, sehr rührige und
kampagnenfähige Mittelschicht" haben, "die alles dafür tut, dass das
Gymnasium nicht abgeschafft wird". Mit zynisch wirkender Offenheit hat
er hinzugefügt: "Seien Sie doch ehrlich, Sie und ich würden auch alles
dafür tun, dass unsere Kinder auf ein Gymnasium gehen und nicht mit den
Schmuddelkindern spielen. Und eine Partei, die das Ende des Gymnasiums
fordert, würde nicht wiedergewählt werden. Deshalb wird es dazu nie
kommen. So einfach ist das."
So einfach? Jedenfalls hilft ein Zitat wie dieses zu erklären, warum
selbst unter Rot-Grün oder Grün-Rot die für Deutschland
rechtsverbindlich geltende Verpflichtung zur Verwirklichung eines
inklusiven Schulsystems, das allen die gleichen Möglichkeiten gibt, an
qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und unabhängig von
besonderen Lernbedürfnissen, Geschlecht, sozialen und ökonomischen
Voraussetzungen miteinander zu lernen, den Lobbyinteressen des
Gymnasiums untergeordnet wird.
Die Gemeinschaftsschule: kein Ausweg aus der Zweigliedrigkeit!
Kann es über die Ermöglichung von Gemeinschaftsschulen auf der
Entscheidungsebene der Kommune und im Konsens mit allen Beteiligten vor
Ort einen sanften Reformweg geben, der die starre Zweigliedrigkeit
verhindert? NRW und nun auch Baden-Württemberg haben sich für diesen
Weg entschieden und feiern die neue Entscheidungsstruktur als
demokratischen Sieg über politische Bevormundung und bürokratische
Überregulierung.
In Schleswig-Holstein hat sich jedoch gezeigt, dass das Gymnasium auf
freiwilliger Basis nicht eingefangen werden kann in einen integrierten
Zusammenschluss aller Schulformen. Mit der Ermöglichungspolitik wird
lediglich die politisch "von oben" verordnete Zweigliedrigkeit
vermieden. An ihre Stelle tritt eine Zweigliedrigkeit, die fast
naturwüchsig wirkt, weil sie doch "von unten" gewollt ist und sich nach
und nach entwickelt. Zweigliedrigkeit ist auch auf diesem Weg
programmiert – freilich ohne dass die Landespolitik die Verantwortung
dafür übernehmen muss.
Es ist enttäuschend, wie wenig Grüne und Sozialdemokraten ihre
Mehrheit in der Bevölkerung nutzen, um soziale Inklusion und
gleichwertige Teilhabe als Leitbilder in der Gesellschaft zu verankern.
Sie drücken sich vor der historischen Aufgabe, das Schulsystem aus
seiner ständischen Tradition zu befreien und zu demokratisieren. Dabei
ist nicht nur Kernspaltung hochgefährlich, sondern auch ein gespaltenes
Schulsystem, das die vorhandene gesellschaftliche Kluft vertieft. Die
Anti-Atombewegung hat es vorgemacht: Nur mit Aufklärung, langem Atem und
starkem zivilgesellschaftlichen Druck wird es einen bildungspolitischen
Ausstiegsbeschluss geben.
Zur Person
Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn
Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel
ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule
für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit
ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig. |