Von Dogma zu Dogma
12 oder 13 Schuljahre? Das ist die falsche Frage
Da sage einer, das deutsche Bildungswesen sei unbeweglich. Nach rund 20jährigem Kampf um die Länge der Schulzeit zeichnet sich ab, wer am Ende als Sieger dastehen wird: die Turbofraktion. Nach dem Saarland will nun auch Baden-Württemberg auf das 13. Schuljahr verzichten. In Sachsen und Thüringen brauchen die Schüler seit jeher nur zwölf Jahre bis zum Abitur. Alle anderen Bundesländer experimentieren mit so genannten D-Zug-Klassen, in denen besonders leistungsstarke Schüler in sieben Jahren schaffen sollen, wofür andere acht brauchen. Nur Mecklenburg-Vorpommern scheint die Zeichen der schnellen Zeit falsch zu deuten und will auf bisher zwölf Schuljahre - ein DDR-Erbe - ein dreizehntes draufsatteln.
Dabei entlässt kaum ein anderes Bildungssystem seine Kinder so spät ins Leben wie das deutsche: Gymnasiasten zählen im Durchschnitt 20 Jahre, wenn sie die Hochschulreife attestiert bekommen, deutsche Diplomanden und Referendare 28 Jahre, bevor sie den ersten Job antreten. Englische oder niederländische Absolventen haben zu der Zeit schon vier Jahre Berufserfahrung gesammelt.
Die künstlich in die Länge gezogene Adoleszenz geht nicht nur auf das Konto der Schule. Bundeswehr oder Zivildienst, eine zwischen Abitur und Universität eingeschobene Lehre, ein miserabel organisiertes Studium sowie Eltern, die ihre Kinder fast sieben Jahre behüten, bevor sie sie einem Lehrer anvertrauen: Sie alle tragen zu den langen Ausbildungszeiten bei - stärker sogar als das Gymnasium, das bisher eisern bei seiner Pflichtzeit bis zum Abitur geblieben ist.
Nun fällt die 13-Jahre-müssen-es-sein-Vorschrift und wird zunehmend durch eine 12-Jahre-sind-für-alle-genug-Anordnung ersetzt. Doch der vermeintlich überfällige Beschluss für eine Schulzeitverkürzung sieht längst schon wieder alt aus. Starre Strukturen werden dem deutschen Lernalltag nicht gerecht. Es ist eine Schulweisheit, dass Kinder und Jugendliche nicht alle in der gleichen Zeit das Gleiche lernen. Die politischen Wortführer der Debatte haben sie noch nicht intus.
13 Jahre auf der Schulbank mögen für viele zu lang sein, 12 Jahre sind im heutigen System für einige zu kurz. Langsamlerner und Spätentwickler werden es nicht schaffen, den gleichen Stoff in kürzerer Zeit zu pauken. Sie werden abgehängt. Gute Realschüler, die aufs Gymnasium wechseln wollen, werden kaum Chancen haben, den Anschluss zu schaffen. Doch schon heute hat Deutschland im internationalen Vergleich nicht zu viele, sondern zu wenige Abiturienten.
Statt mit rigiden Regelungen die bunte Nachfrage zu disziplinieren, sollten Vielfalt, Durchlässigkeit und Flexibilität das schulische Angebot bestimmen. Nicht 12 oder 13 Jahre heißt die Alternative, sondern 12 und 13 Jahre - und in Einzelfällen 11 und 14 Jahre noch dazu. Je nachdem, was Schüler und Eltern wünschen. Da wird es Schulen geben, die Jugendliche im Schnelldurchgang zum Abitur führen, und andere, die sich mehr Zeit nehmen. Gymnasien, die Kinder ganztags betreuen, könnten in weniger Jahren den Lehrstoff vermitteln als solche, die nur den halben Tag geöffnet haben.
Martin Spiewak
DIE ZEIT, 30/2001 |