Nicht die formale Gestalt der "Gesamtschule" ist es, die Deutschland sich bei den Finnen abschauen sollte, sondern die intrasystemische Differenzierung, die begabungsgerechte Wege ermöglicht, und die personalintensiven binnenschulischen Strukturen zur Förderung der Schwachen. Führt man letzteres ein, erübrigt sich hierzulande ein Umbau des gesamten Schulsystems (welcher ja im Interesse der Schwachen gefordert wird), denn dann ist es ziemlich gleich, wie eine Schulart heißt. Führt man die flächendeckende Gesamtschule ein, erspart ihr aber die Profilverpflichtung, dann gibt es keine intrasystemische Differenzierung, und die nächste bildungspolitische Katastrophe wird binnen weniger Jahre eintreten wie das Amen in der Kirche. Erhält man das dreigliedrige deutsche System, erspart sich aber die Einführung gezielter Strategien zur Förderung der "Risikogruppe", wird alle Lehrerfortbildung umsonst sein; das Weiterbestehen von Realschule und Gymnasium trägt zum "Abschmelzen" der Risikogruppe nichts bei. Bei künftigen internationalen Vergleichsuntersuchungen wird Deutschland um nichts besser dastehen als bei PISA 2000.
Daß man von meinen finnischen Landsleuten lernen kann, bestreite ich nicht. Aber was man von ihnen lernen könnte und sollte, darüber bin ich bereit, mit den meisten deutschen Kommentatoren zu streiten. So mancher kocht da sein eigenes politisches Süppchen auf dem finnischen Feuer, und gar nicht wenige haben auf unzureichender Informationsbasis Schlüsse gezogen und Schnellschüsse abgegeben.
Allerdings ist es ein Gebot der Fairneß, zu guter Letzt auch zu sagen: Wenn man weder Finnisch noch Schwedisch kann und nolens volens auf offizielles Material und behördliche Kontaktvermittlung angewiesen ist, dann hat man schlechte Karten. Wenn ich mir vorstelle, ich müßte in Japan recherchieren ...! Das Land der Lachse, Mücken und Rentiere, wo sich im endlosen Wald nur hier und dort ein mökki versteckt und in dem mökki ein Mensch, ist reichlich plötzlich zum Bildungswunderland mutiert. Daß da von geschockten Mitteleuropäern mancher Unsinn publiziert wird, darüber würde ich als Finnländerin ja nur lachen, und das von Herzen belustigt. Daß ich nicht lache, sondern einen Artikel wie diesen schreibe, liegt nicht an meiner Humorlosigkeit. Es liegt daran, daß es bei alledem um etwas sehr, sehr Wichtiges geht: um Politik.
Aus: Zeitschrift "Freiheit der Wissenschaft", 2/2002, Juni 2002 von Thelma von Freymann
Die Autorin ist aus Finnland gebürtig.
Den gesamten Artikel finden Sie unter:
http://www.finland.de/pisa-studie/ |