| In der hiesigen Einschätzung des großen Erfolges finnischer Schülerinnen und Schüler bei PISA reichen die Erklärungsversuche vom Hinweis auf das Gesamtschulsystem über die Organisation von Schule bis in den Nachmittag hinein (wir würden dies ein "offenes Ganztagsschulkonzept" nennen) bis hin zum Anreiz zum Lesen durch die Untertitelung von nicht synchronisierten Filmen in Fernsehen und Kino.
Bei einer Veranstaltung des von der ZEIT-Stiftung initiierten "Lern-Werks Hamburg" verwies auch die finnische Bildungsexpertin Riitta Piri auf diese Faktoren, nachdenklich haben mich aber vor allem drei Kernsätze gemacht, die ich im folgenden etwas näher beleuchten möchte.
Bildung zählt mehr als Besitz
Der erste Satz lautete: "In Finnland zählt Bildung mehr als Besitz."
Jeder, der sich mit Bildungsprozessen auskennt, wird mir zustimmen, dass eine solche soziokulturelle Grundeinstellung wohl ein besonders günstiges Fundament für ein erfolgreiches Bildungswesen ist. Zumindest drei Dimensionen sehe ich in diesem Satz verankert:
1. Der Satz signalisiert zunächst einmal, dass der Staat eine hohe Priorität bei seinen Investitionen im Bereich Bildung setzt. So ist es nicht verwunderlich, dass Finnland mit seinen Bildungsinvestitionen über dem OECD-Durchschnitt liegt, während wir erheblichen Nachholbedarf haben, um den Durchschnitt zu erreichen. Und eine zweite Zahl möchte ich nennen, die die hohe staatliche Priorität für den Bildungsbereich zum Ausdruck bringt. In Finnland besuchen über sechzig Prozent eines Jahrgangs eine Universität oder Fachhochschule, eine Zahl, die im Vergleich zu unseren nicht einmal dreißig Prozent fast beschämend anmutet.
2. Es ist offenkundig, dass der Satz "Bildung zählt mehr als Besitz" eine starke öffentliche Wertschätzung für das Bildungsgut signalisiert. Freude an der Schule und Lust auf Lernen sind die unmittelbaren Folgen, während wir uns über Schulunlust und Haltungen wie "Leistung ist uncool" zu Recht beklagen.
3. Und nicht zuletzt impliziert dieser Satz einen hohen Respekt für die im Bildungsbereich Handelnden, sprich für die Lehrerinnen und Lehrer. Trotz geringerer Bezahlung als in Deutschland ist der Lehrerberuf in Finnland hoch angesehen und nachgefragt. Nur die Besten und Geeignetsten erhalten, nachdem sie ein Auswahlverfahren durchlaufen haben, einen Studienplatz. Darüber hinaus ist der Respekt für die Lehrenden eine solide Basis für ein gutes Schul- und Lernklima, eine Aussage, die für viele unserer Schulen sicher so nicht gemacht werden kann.
Alle mitnehmen
Der zweite mich beeindruckende Satz von Frau Piri lautete: "Bei fünf Millionen Einwohnern können wir es uns gar nicht erlauben, nicht alle Schülerinnen und Schüler mitzunehmen oder sie ohne Abschluss zu entlassen."
Auch dieser Satz lässt sich empirisch nachhaltig belegen: Sitzen bleiben ist an finnischen Schulen so gut wie unbekannt, nur etwa 150 bis 200 Schülerinnen und Schüler verlassen pro Jahr in ganz Finnland die Schule ohne einen Abschluss, und das bei einem nachweislich höheren allgemeinen Leistungsniveau. Allein der Stadtstaat Hamburg produziert ein Vielfaches dieser Zahl.
Vor allem aber signalisiert dieser Satz das große Bemühen an finnischen Schulen um die schwächeren Schülerinnen und Schüler, ohne, wie PISA deutlich zeigt, die Begabten dabei zu vergessen. Mit Sicherheit haben wir es hier auch mit einem Systemvorteil des finnischen Schulwesens zu tun. Jede Schule ist für ihre Ergebnisse, für jeden einzelnen Schüler verantwortlich, aussortieren bzw. abschulen ist nicht möglich. Natürlich schärft dies zwangsläufig den Blick und das Bemühen um jeden Einzelnen. Lernschwache Schülerinnen und Schüler werden individuell bzw. in Kleingruppen gefördert (bis zu 29 Prozent eines Gesamtschuljahrgangs), ohne dass feste äußere Differenzierungsgruppen daraus entstehen. Wenn nötig, werden sogar individuelle Lernverträge mit Schülern und Eltern abgeschlossen. Da PISA gezeigt hat, dass wir in Deutschland eine besonders große Risikogruppe von potentiellen Schulversagern haben, sollten wir vor allem in diesem Bereich uns sorgfältig mit dem finnischen Weg auseinandersetzen.
Pragmatisch und freiheitsliebend
Der dritte und letzte Satz von Riitta Piri, der mich beeindruckt hat, lautet: "Wir in Finnland sind pragmatisch und freiheitsliebend."
Letzteres zeigt sich in der hohen Eigenverantwortlichkeit, die finnische Schulen innehaben. Die vorgegebenen nationalen Curricula sind eher allgemein gehalten, vor Ort müssen sie in konkrete Ziele und Standards umgesetzt werden. In der Mittelverwendung herrscht ebenfalls ein großer Freiraum: Schulen haben die Möglichkeit, über Schwerpunkte, Förderprogramme und Lehrereinstellung selbst zu bestimmen. Es gibt jährliche, stichprobenartige nationale Evaluationen, die Ergebnisse werden den einzelnen Schulen mitgeteilt, werden aber nicht veröffentlicht. Dieses behutsame Verfahren hat dazu geführt, dass zahlreiche Schulen freiwillig an der nationalen Evaluation teilnehmen und die Kosten für das Verfahren selbst tragen.
Und "pragmatisch"? Frau Piri hat für diesen Pragmatismus zahlreiche Beispiele genannt: Wenn Schulen für den eigenen Erfolg verantwortlich sind, dann müssen schnell Lösungswege bei Problemen gefunden werden bzw. Korrekturen durchgeführt werden. Ein eindrucksvolles Beispiel für den Pragmatismus ist die Einstellung von sogenannten "Schulassistenten". Um besonders die Förderung schwächerer Schülerinnen und Schüler zu effektivieren, ist man seit einigen Jahren an finnischen Schulen dazu übergegangen, Abiturienten nach einer kurzen Ausbildungszeit als sogenannte "Assistenten" einzustellen. Sie kümmern sich um einzelne Schüler während des Unterrichts oder fassen schwächere Schüler zu kleineren Gruppen zusammen, die sie dann eigenständig unterrichten. Ein zweites Beispiel ist die Einstellung sogenannter "Stundenlehrer", das sind zum Teil Studierende oder außerschulische Fachkräfte, die für Zusatzangebote oder auch zur Vermeidung von Stundenausfall an den Schulen tätig sind. Beide Maßnahmen, die Einstellung von "Schulassistenten" wie die Beschäftigung von "Stundenlehrern", werden in Finnland als Erfolg gewertet. Ich frage mich: Wäre ein Stück dieses Pragmatismus nicht auch für uns hilfreich?
Fazit
Der Blick nach Finnland zeigt, sicher ist nicht alles kopierbar, zu unterschiedlich ist die Sozialstruktur, die Geographie und wohl auch die Mentalität dieses Landes im Vergleich zu uns. Wenn wir aber ein Stück weit von dem, was die zitierten drei Kernsätze transportieren, in unsere Grundhaltung bei der Reform unseres Schulwesens mit einfließen lassen könnten, so bin ich sicher, wären wir schon ein großes Stück weiter.
Dr. Reiner Lehberger ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Adresse: Von-Melle-Park 8, 20147 Hamburg
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