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SINN e.V.
aktualisiert am:
23.12.2009

Der Sokratische Eid

nach einer Idee von Hartmut v. Hentig ("Die Schule neu denken", Seite 258 f)



Als Lehrer und Erzieher verpflichte ich mich,

- die Eigenart eines jeden Kindes zu achten und gegen jedermann zu 
  verteidigen;
- für seine körperliche und seelische Unversehrtheit einzustehen;
- auf seine Regungen zu achten, ihm zuzuhöhren, es ernst zu nehmen;
- zu allem, was ich seiner Person antue, seine Zustimmung zu suchen,
  wie ich es bei einem Erwachsenen täte;
- das Gesetz seiner Entwicklung, soweit es erkennbar ist, zum Guten auszulegen und dem Kind zu ermöglichen, dieses Gesetz anzunehmen;
- seine Anlagen herauszufordern und zu fördern;
- es zu schützen, wo es schwach ist, ihm bei der Überwindung von Angst
  und Schuld, Bosheit und Lüge, Zweifel und Misstrauen, Wehleidigkeit und
  Selbstsucht beizustehen, wo es das braucht;
- seinen Willen nicht zu brechen - auch nicht, wo er unsinnig erscheint;
  ihm vielmehr dabei zu helfen, seinen Willen in die Herrschaft seiner
  Vernunft zu nehmen;  es also den mündigen Verstandesgebrauch
  und die Kunst der Verständigung wie des Verstehens zu lehren;
- es bereit zu machen, Verantwortung in der Gemeinschaft und für diese
  zu übernehmen;
- es die Welt erfahren zu lassen, wie sie ist, ohne es der Welt zu
  unterwerfen, wie sie ist;
- es erfahren zu lassen, was und wie das gemeinte gute Leben ist;
- ihm eine Vision von der besseren Welt zu geben und Zuversicht, daß
  sie  erreichbar ist;
- es wahrhaftig zu lehren, nicht die Wahrheit, denn "die ist bei Gott
  allein".

Damit verpflichte ich mich,

- so gut ich kann, selbst vorzuleben, wie man mit den Schwierigkeiten,
  den Anfechtungen und Chancen unserer Welt und mit den eigenen
  begrenzten Gaben, mit der eigenen immer gegebenen Schuld
  zurechtkommt,
- nach meinen Kräften dafür zu sorgen, dass die kommende Generation
  eine Welt vorfindet, in der es sich zu leben lohnt und in der die ererbten
  Lasten und Schwierigkeiten nicht Ideen, Hoffnungen und Kräfte
  erdrücken,
- meine Überzeugungen und Taten öffentlich zu begründen, mich der
  Kritik- insbesondere der Betroffenen und Sachkundigen - auszusetzen,
  meine Urteile gewissenhaft zu prüfen;
- mich dann jedoch allen Personen und Verhältnissen zu widersetzen,
  dem Verbandsinteresse, der Dienstvorschrift -, wenn sie meine hier
  bekundeten Vorsätze behindern.

Ich bekräftige diese Verpflichtung durch die Bereitschaft, mich jederzeit
an den ihr enthaltenen Maßstäben messen zu lassen.

Hartmut von Hentig zeigt in diesem Buch auf, dass die heutige Schule ihre Schüler von sich entfremdet hat, weshalb das so ist, welche Zwänge im bestehenden System dominieren und was geschehen muss, damit dieser Zustand beendet wird: die Schule neu denken.

Hartmut von Hentig
Die Schule neu denken
Eine Übung in pädagogischer Vernunft
279 Seiten (März 2003), ISBN 3-407-22119-3, Euro 12,90

Die Schule von heute ist weit davon entfernt, Lebens- und Erfahrungsraum für lernende und sich bewährende Kinder zu sein. Sie entlässt die jungen Menschen manchmal kenntnisreich, aber in jedem Fall erfahrungsarm, erwartungsvoll, aber orientierungslos, ungebunden, aber auch unselbstständig und einen erschreckend hohen Anteil unter ihnen ohne jegliche Beziehung zum Gemeinwesen. Mit der Schärfung des Bewusstseins hiervon beginnt das Buch und leitet sodann die Leser in der jetzt notwendigen Anstrengung der Phantasie an. Es führt Beispiele gelungener Wandlungen vor und zeigt schließlich Übergänge, wie man von hier nach da kommt. In einem neuen, eigens für die Taschenbuchausgabe verfassten 48seitigen Vorwort, setzt sich Hartmut von Hentig zum ersten Mal ausführlich mit den Pisa-Studien, ihren Ergebnissen und vermeintlichen Folgen für die Schule in Deutschland auseinander.

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