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Elite ohne LeistungsdruckWie werden Kinder klüger? Indem Lehrer weniger auf Noten achten. Ein Bericht von der laut Pisa-Test besten Schule DeutschlandsDienstagmorgen, 8.45 Uhr. Es ist Besuch im Haus. Einige Schulleiter aus
Brandenburg wollen sich ein Bild von unserem Alltag machen. In Begleitung
der Schulleiterin gibt es einen ersten Rundgang. Der führt die Besucher
auch in eines der kleinen Lehrerzimmer, das zu jedem Jahrgang gehört. Was
sie dort sehen, irritiert sie erheblich: Die vier Klassenlehrer des
Jahrgangs fünf sitzen mit frischen Brötchen und dampfendem Kaffee
beisammen und frühstücken in aller Ruhe. Ziemlich peinlich! Mit bemühter
Sachlichkeit werden die Lehrer gefragt, weshalb sie nicht im Unterricht
seien. Sie lachen. "Wo sind Ihre Klassen?", fragt eine Besucherin. "Im
Unterricht bei Kollegen." Die Klassenlehrer erklären ihr, dass sie
zufälligerweise jeden Dienstag zwei Freistunden hätten. Einer der Besucher
ist skeptisch. Wieso sie dann schon in der Schule seien, will er wissen.
Es gebe immer eine Menge Dinge, die alle Klassenlehrer des Jahrgangs
miteinander verabreden und besprechen müssten, ist die Antwort. Die
Teamsitzung am Montagnachmittag reiche dafür oft nicht aus. Deshalb würde
man am nächsten Morgen einfach miteinander frühstücken. "Außerdem", sagt
eine Klassenlehrerin, "sind wir gern in der Schule." Die Besucher sind erstaunt. Ohne dass dies geplant war, sind sie bei
ihrem Rundgang auf eines der "Erfolgsgeheimnisse" dieser Schule gestoßen.
Die meisten unserer Lehrer sind zufrieden mit ihrer Arbeit, obwohl sie im
Vergleich zu anderen Schulen deutlich mehr Zeit in der Schule verbringen
müssen. Einer der Gründe dafür ist sicher die Teamstruktur, in die alle
Lehrer der Schule eingebunden sind. Für jeden Jahrgang mit hundert
Schülern bilden acht bis zehn Lehrer ein Team. Sechs Jahre lang sind es
diese Lehrer, die in den vier Parallelklassen unterrichten, wobei der
Klassenlehrer in seiner Klasse immer mehr Stunden verbringt als alle
anderen Lehrer, in den Anfangsjahren oft mehr als die Hälfte der
Wochenstunden. Ihre Sachen hat Mia schnell gepackt, aber bevor sie zum Bus geht,
greift sie sich noch den Staubsauger. Der Müll muss auch noch weggebracht
werden, denkt sie. Das kann Tobi machen. Marie hat die Tafel schon
gewischt. Zwanzig Minuten nach dem letzten Klingeln ist der Klassenraum
sauber. Der Klassenlehrer wirft einen prüfenden Blick in den Raum. Dann
dürfen die Kinder gehen. Über den Putzdienst an der Helene-Lange-Schule sind in den letzten zehn
Jahren unzählige Artikel geschrieben worden. Fernsehteams haben Schüler
gefilmt, wie sie nach der letzten Schulstunde ihre Klassenräume und ihren
Schülertreff samt den dazugehörenden Fluren putzen. Journalisten
berichteten, dass die Schule einen Teil des auf diese Weise eingesparten
Geldes erhält. Wir fanden die Erfindung des Putzdienstes dagegen nie
übermäßig aufregend. Warum ist sie für die Öffentlichkeit dennoch so
interessant? Vermutlich, weil der unbedachte und nachlässige Umgang mit
Schulinventar ein häufig auftretendes Problem ist, dem auf diese Weise
entgegengewirkt werden kann. Sicher aber auch, weil eine Schule sich
selbst regelmäßig zusätzliche finanzielle Mittel beschafft. Vor einem
guten Jahrzehnt war das beinahe ein Skandal. Seitdem haben wir langsam ein
unbefangeneres Verhältnis zum Geldverdienen entwickelt. In dieser Hinsicht
ist die Geschichte des Putzdienstes tatsächlich eine Art Lehrstück.
Hier und da bin ich von Besuchern oder Journalisten gefragt worden, ob
sich die Helene-Lange-Schule eigentlich als eine Eliteschule verstehe.
Manchmal war das vermutlich als eine Fangfrage gedacht. (Eingebildet wie
die sind, wollen sie etwas Vornehmeres sein!) Dennoch habe ich ohne zu
zögern immer mit Ja geantwortet, obwohl wir, wenn man unter Eliteschule
eine Schule mit sorgfältig ausgewählten Schülern versteht, die in allen
Schulfächern "sehr gute" Ergebnisse haben oder mit ein wenig Anstrengung
haben werden, selbstverständlich keine Eliteschule sind. Wir sind eine
integrierte Gesamtschule. Und das bedeutet: In unseren Klassen sitzen,
misst man sie nur an ihrem schulischen Leistungsvermögen, überwiegend
durchschnittliche Schüler. Manchmal auch der eine oder andere
"Überflieger", fast immer - mal zehn, mal zwanzig Prozent - auch Schüler,
die sich mit den schulischen Anforderungen selbst auf einem fiktiven
"Hauptschulniveau" sehr schwer tun und zusätzliche Hilfe benötigen.
Auch wenn das in der Konferenz immer wieder mal umstritten war, hat
sich nie eine Mehrheit dafür gefunden, einen unserer wichtigsten
Grundsätze preiszugeben: Diese sehr unterschiedlichen Schüler lernen -
abgesehen von seltenen, zeitlich begrenzten Ausnahmen in den
Jahrgangsstufen neun und zehn - gemeinsam mit ihrer Klasse. Die
Anforderungen an die einzelnen Schüler, die zugleich den Bezugsrahmen für
die zu erteilenden Zensuren darstellen, unterscheiden sich innerhalb
dieser Klasse. Das Schulrecht schreibt den integrierten Gesamtschulen vor,
von der Jahrgangsstufe sieben an zumindest in den Fächern Englisch und
Mathematik, für die älteren Schüler auch in den Naturwissenschaften, zwei
unterschiedliche Niveaus, nämlich einen Grundkurs und einen
Erweiterungskurs, zu beurteilen. Denen werden auch unsere Schüler durch
Beschluss der Klassenkonferenz jeweils zugewiesen. Bei Klassenarbeiten
müssen die Lehrer in der Regel zwei verschiedene Aufgaben stellen. Das
bedeutet zusätzliche Arbeit. Doch die Vorteile des gemeinsamen Lernens
sind nach unserer Erfahrung aus mehr als anderthalb Jahrzehnten
gewichtiger. Gelingen kann es nur, wenn andere "Belohnungen",
beispielsweise die öffentliche Anerkennung oder die befriedigende
Erfahrung gegenseitiger Hilfe, auch im Bewusstsein der Schüler wichtiger
werden als die Noten. Vor einiger Zeit habe ich Schüler aus einer neunten Klasse gefragt, wie
sie denn damit zurechtkämen, dass manche ihrer Mitschüler in Mathematik
oder Englisch oder in Physik dem Grundkurs zugeteilt seien und deshalb bei
Klassenarbeiten "einfachere" Aufgaben zu lösen hätten. Die haben erstaunt
geschaut. Kaum einer wusste genau, wen das in der Klasse betraf. Es war
ihnen offensichtlich unwichtig. Warum? Ich vermute, weil in ihrer Klasse
seit fast sechs Jahren ein Klima herrscht, in dem es normal ist, dass
jemand manchmal Schwierigkeiten hat und ihm dann von den anderen geholfen
wird. Das verstehe ich unter einer Eliteschule: Wenn es eine Schule schafft,
jeden ihrer Schüler an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu führen,
und wenn es einer Schule gleichzeitig gelingt, bei Schülern
Selbstbewusstsein und Teamgeist gleichermaßen zu wecken und zu verankern,
dann hat sie das getan, was ihr möglich war, damit ihre Schüler später
einmal als Bürger, in ihrem jeweiligen Beruf und hoffentlich auch als
Mit-Menschen tatsächlich Mitglieder einer "Elite" sind. Noten sind dafür
als Mittel völlig ungeeignet. Natürlich ist es eine Binsenweisheit, dass die Noten, die ein Kind oder
ein Jugendlicher in der Schule bekommt, nicht alle Fähigkeiten abbilden,
die diesen jungen Menschen auszeichnen, und nur sehr eingeschränkt
Voraussagen erlauben, was es später zu leisten im Stande sein wird. Kein
nachdenklicher Erwachsener würde dem widersprechen. Aber gleichzeitig
nehmen wir es wie ein Schicksal hin, dass diese Noten Lebenswege eröffnen
oder verbauen. Der Grundsatz "Leistung zählt und muss deshalb belohnt
werden" ist ja nicht falsch. Aber die Vorstellungen der Schule von dem,
was eine "wichtige" Leistung sei und wie man sie messen könne, sind
trostlos verengt. Große Teile der Öffentlichkeit, selbst viele Lehrer sind
überzeugt: Wenn Schulen Probleme mit der Leistungsmessung hätten, dann
höchstens, weil immer noch nicht genug getestet, verglichen und benotet
werde. Mehr Prüfungsfächer im Abitur und landesweite Zentralprüfungen
erscheinen dann als geradezu notwendige Folgerung, ebenso wie neu
gegründete Eliteschulen und D-Zug-Klassen, um die Besten noch besser vom
Durchschnitt trennen zu können. Das verändert die Balance: Schule ist
nicht mehr vor allem ein Ort, an dem junge Menschen die Chance haben,
Wichtiges zu lernen und Fähigkeiten zu entwickeln, die sie befähigen,
später mit dem Leben zurechtzukommen, sondern ihr wichtigstes Kennzeichen
wird eine ständige Prüfungssituation. Das Wort "gut" ist ein beschreibendes und wertendes Adjektiv. Als
Zensur in der Schule kann es im deutschen System auch durch die Ziffer 2
ersetzt werden, ebenso wie die Bewertung "ausreichend" durch die Ziffer 4.
Diese Ziffernnoten täuschen eine Objektivität vor, die wertende Urteile
grundsätzlich nicht haben können. Ziffernnoten kann man zusammenzählen,
man kann (und das geschieht in Deutschland) "Durchschnittsnoten"
errechnen, die dann auf eine Dezimalstelle hinter dem Komma auf- oder
abgerundet werden. Das wirkt wie exakte Mathematik und ist doch ein
absurdes Verfahren, weil es so tut, als sei der Abstand zwischen einer
"Zwei" und einer "Drei" ebenso groß wie der zwischen einer "Vier" und
einer "Fünf" oder als bedeute eine "Drei" in allen Fächern jeweils das
Gleiche, zumindest innerhalb der Gruppe der Hauptfächer beziehungsweise
der Nebenfächer. Die mathematische Form suggeriert, es handele sich um
exakte Messergebnisse, so als habe jemand von einem sehr genauen
Thermometer während einiger Monate täglich fünfmal die Temperatur
abgelesen und in eine Tabelle eingetragen. Jeder auch nur einigermaßen
selbstkritische Lehrer weiß (und umfangreiche wissenschaftliche
Untersuchungen haben das in den letzten fünf Jahrzehnten immer wieder
bestätigt), dass diese Exaktheit eine Fiktion ist. Die gleiche "Leistung"
wird, wenn man umfangreiche Blindversuche macht, selbst in Mathematik von
verschiedenen Beurteilern unterschiedlich bewertet, wobei Abweichungen von
mehreren Notenstufen möglich sind. Am ehesten scheinen innerhalb einer
Klasse die Zensuren eines Faches noch eine Rangordnung der "Leistungen"
abzubilden, aber selbst das gilt nur mit erheblichen Einschränkungen.
Außerdem haben fast alle "Leistungen", um die es in der Schule geht, viele
Dimensionen. Dem einen Lehrer ist diese wichtig, dem anderen eine andere,
woraus sich oft, noch vor aller persönlichen Sympathie oder (meist
uneingestandenen) Antipathie, ein Phänomen erklärt, das außen Stehende
verblüfft: Der Schüler Max, in Biologie ständig mit einer "Vier" benotet,
bekommt eine neue Lehrerin und hat im nächsten Zeugnis eine "Zwei".
Vielleicht ist es ihr aber auch tatsächlich gelungen, ihn so zu ermutigen,
dass er sich nicht mehr für einen hoffnungslosen Versager hält, oder sein
Interesse so zu wecken, dass er jetzt etwas verstehen will - anstatt
lernen zu müssen, was ihm sinnlos und überflüssig vorkam. Für die zehn oder 15 Prozent, die in einem Fach oder in einer Klasse um
die Spitzenposition kämpfen, mag der Wettbewerb um Zehntelnoten vielleicht
ebenso motivierend sein wie für Spitzensportler der Kampf um
Zehntelsekunden. Für Schüler im unteren Drittel sind Ziffernnoten der sich
beständig wiederholende Beweis, dass ihre Anstrengungen hoffnungslos und
umsonst sind. Das verschlimmert sich in der Regel noch, wenn mit diesen
Ziffernnoten und ihrer Verrechenbarkeit Berechtigungen und Schulabschlüsse
verbunden sind. Selbstverständlich - und mit Recht! - erwarten Schüler, dass ihre
Anstrengungen von Mitschülern und Lehrern wahrgenommen werden, dass das
Ergebnis ihrer Anstrengungen auch bewertet, Fortschritte anerkannt und
gelobt werden. Manchmal muss einem aber auch deutlich gesagt werden, dass
das, was er oder sie geleistet hat, noch weit unter dem ist, was von ihm
oder ihr mit guten Gründen erwartet werden könnte. Fast alle Schüler
können das selbst sehr genau einschätzen, wenn man mit ihnen ernsthaft und
auf Einzelheiten eingehend über diese Leistung redet. Erfahrene Lehrer
wissen, dass differenziertes Lob, durch das sich der Schüler in seinen
Bemühungen verstanden fühlt und das ihm zugleich zeigt, wie er dies und
jenes noch verbessern könnte, fast immer deutlich leistungssteigernder
wirkt als eine schlechte Zensur. Genau dies wäre die wichtigste Leistung der Schule: wenn es ihr
gelingen würde, jeden Schüler - die Überflieger ebenso wie die ganz
Schwachen - dazu zu verlocken, sich selbst zu übertreffen, also die
Erfahrung zu machen, dass ihm oder ihr heute gelingt, was sie gestern noch
für unmöglich gehalten haben. Enja Riegel war 19 Jahre lang Direktorin der Helene-Lange-Schule in
Wiesbaden, der beim Pisa-Test mit Abstand besten deutschen Schule. Seit
2003 ist sie pensioniert. Ihr Buch "Schule kann gelingen!" erscheint
Mittwoch im Fischer-Verlag Artikel erschienen am 23. Mai 2004 |
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